Mit zehn Jahren richtete ich mir im Keller meiner Großmutter meine erste Dunkelkammer ein. Mein Vater, der selbst fotografierte, entwickelte, vergrößerte und auch Filme drehte, erklärte mir die technischen Schritte von der Aufnahme bis zum fertigen Bild. Blende, Zeit, Tiefenschärfe oder Schärfentiefe waren mir damals schon gängige Begriffe. Und so entwickelte ich bald meinen ersten Schwarz/Weiß Film selbst und ging mit den Negativen in das Labor in besagtem Keller.

Ich werde es nie vergessen: Ich legte das Negativ in die Bühne des Vergrößerers, darunter das Fotopapier in den Vergrößerungsrahmen und belichtete es. Ich nahm das Papier und ließ es langsam in die Wanne mit der Entwicklerflüssigkeit gleiten. Nach wenigen Sekunden begann für mich ein Wunder: Wie aus dem Nichts zeichnete sich auf dem Papier das Motiv ab. Es schien aus der unendlich weißen Tiefe des Papierbogens aufzusteigen. Es wurde immer klarer, immer deutlicher. Aus dem Negativ wurde ein Positiv. Doch verweilte es nur wenige Augenblicke. Eine zu starke Belichtung führte dazu, dass es unaufhaltsam im schwarzen Nichts verschwand, so wie es aus dem weißen Nichts aufgestiegen war. Das erste schwarze Kärtchen war entstanden. Zwar war ich enttäuscht, aber die Begeisterung über diesen Vorgang war größer, und so wurde ich nicht müde, weiter zu probieren, so lange, bis die Ergebnisse meinen Wünschen entsprachen.

Es sollten noch viele schwarze Kärtchen hinzukommen – und später an der Fachakademie für Fotodesign München entsprechend viele gelbe, blaue und magentafarbene. Nämlich dann, als ich die ersten Farbvergrößerungen erstellte.
Ich lernte, dass der Aufnahmeprozess lediglich die erste Hälfte auf dem Weg hin zu einer guten Fotografie ist. Die Bildauswahl und die entsprechende Ausarbeitung bis hin zur richtigen Präsentationsform erfordern eben so viel Kraft, Inspiration und Ausdauer. Bereiten jedoch auch eben so viel Freude.
 
Dass ich mich viel mit Landschaften und Architekturen befasse, habe ich meinem ersten Studium der Landschaftsarchitektur zu verdanken. In dieser Zeit schulte ich meinen Blick auf Räume und mein Empfinden hinsichtlich derer Qualitäten entsprechend. Ich danke meinen „Lehrmeistern“ (In meinen Augen waren viele meiner Professoren Meister Ihres Faches), uns alle ohne Schonung mit den Qualitäten unterschiedlichster Räume vertraut gemacht zu haben. Und nicht zuletzt dafür, dass wir es gelernt haben, unserem innersten Gefühl im Hinblick auf diese Unterschiede zu vertrauen. Denn nur dann erkenne ich, was einen guten Ort, einen Genius loci, ausmacht. Ich erkenne, was ihm fehlt und was er mitbringt, uns schenkt, wenn wir es zulassen.
 
Mittlerweile wuchs in mir eine große Demut vor diesen Geschenken der Schöpfung. Unsere Welt ist so wunderbar. Ich bin mir sicher, dass all dies nicht zufällig entstanden ist. Mit der Bewältigung schwieriger Lebensphasen öffnete ich mich, nach vielen Jahren des Widerstandes, dem wissenschaftlich NOCH nicht erklärbaren. Fand dort Hilfe und glaube mittlerweile fest daran, dass ich zwar der "Entdecker" der Bilder bin, diese aber letztendlich DURCH mich HINDURCH entstanden sind. Die Quelle dafür nicht in mir sondern irgendwo in dem uns umgebenden Großen Ganzen liegt. Und ich neben anderen Kollegen lediglich über das Privileg verfüge, Ausschnitte dieser Schöpfung weitergeben zu dürfen.

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